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Das Vereinsleben in der Dorfgemeinschaft früher und jetzt.

Im alten Dorf waren die Bauern die tragende Kraft. Die Landwirtschaft war allgemeine Existenzgrundlage. Selbst die Berufe, die sich nicht als rein bäuerlich verstanden, waren eng mit der Landwirtschaft gekoppelt. Der Gastwirt, die Poststation, das gesamte Handwerk, ja selbst der Pfarrer, alle betrieben noch ein Stück Landwirtschaft nebenher. Das ansässige dörfliche Handwerk war in seiner Wirtschaftskraft fast gänzlich von den Bauern abhängig, die Schmiede, der Wagner, die Stellmacher - sie sorgten für das landwirtschaftliche Arbeitsgerät, für die Zugtiere. Die Tischler, Färber, Schuster und Schneider belieferten die Bauern mit Gegenständen des alltäglichen Bedarfs.
Ohne Bauern war ein dörfliches Wirtschaftsleben undenkbar. Entsprechend war auch das Ansehen der Bauern im Dorf und ihr Einfluß. Nicht nur das wirtschaftliche und politische Leben, auch das kulturelle Leben waren bäuerlich geprägt: Die Abfolge der dörflichen Festtage war über das ganze Jahr verteilt. Daraus entstand ein eigenständiges kulturelles Dorfleben aus der Gemeinschaft von Sitte und Brauchtum. Traditionen wurden gepflegt und man war stolz auf sie. Das Singen von gemeinsamen Liedgut im dörflichen Gesangverein und Kirchenchor, das Tragen bestimmter Kleidertrachten, das Weitergeben von besonderen Bauernweisheiten und Bauernregeln, das Erlernen von Tänzen, die Ausgestaltung von Festen, bei Ernte, Hochzeiten, Weihnachten, Ostern gehörten dazu. Daraus ergab sich dann auch eine dörfliche Abgeschlossenheit nach Außen, eine bestimmte dörfliche Identität, ein "Wir-Gefühl" auch aus der dörflichen Gemeinschaft. Dieses Wir-Gefühl entstand auch in den vielen Vereinen, die das kulturelle dörfliche Leben ausfüllte. Dieses Miteinander bei der alltäglichen Lebensgestaltung bewirkte ein Zusammenschweißen über die unmittelbare Nachbarschaft hinaus mit den anderen Dorfbewohnern.
Die frühere Abgeschlossenheit der dörflichen Welt fand nach dem 2. Weltkrieg fast schlagartig ihr Ende. Mit dem Ausbau der Verkehrswege, die Automobilisierung der Bevölkerung geschah eine Öffnung des Dorfes nach außen. Durch das Verschwinden der Arbeitgeber im Ort und das dadurch notwendige tagtägliche pendeln zwischen dem Arbeitsplatz außerhalb des Dorfes und dem Wohnort im Dorf verbrauchte die Zeit für die Kommunikation der Bürger untereinander. Viele Städter zogen aufs Land. So veränderte sich in den Dörfern die Zusammensetzung der Bewohner und damit die traditionellen Dorfgemeinschaften. Das alles hat sich auf die Veränderung des dörflichen Lebens niedergeschlagen. Die Vielfalt wurde im Dorf größer, wo früher Bauern, Handwerker, Pfarrer, Arzt und wenige andere das Berufsleben bestimmten ist heute das Dorf oftmals ein Spiegelbild unserer arbeitsteiligen Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft aus den verschiedensten Berufen. In kleinen Dörfern ist gemeinsam mit den Bauern oftmals auch das Lebensmittelgeschäft, das Postamt, der Bäcker, der Metzger oder auch der Gasthof verschwunden. Man nahm sich auch keine Zeit mehr für die Vereine und ein großer Teil ging ein. Das einstige Miteinander ist ein belangloses Nebeneinander geworden. War früher der Gasthof ähnlich wie die Milchsammelstelle sozialer Treffpunkt, wo man miteinander schwatzte, Informationen und Neuigkeiten austauschte, natürlich auch übereinander tratschte, so braucht es in vielen Dörfern heute keine Gasthöfe mehr. Es bereitet sich ähnlich wie in den Städten Desinteresse aus.
Der Rückzug ins Private lässt die "Sache" vor den Menschen rücken. Je weniger man sich innerhalb seiner dörflichen Nachbarschaft kennt, von einander weiß, miteinander spricht, füreinander da ist, je mehr also die zwischenmenschliche Kälte des Nebeneinander sich breit macht, um so stärker wird nach außen hin Wärme und Herzlichkeit demonstriert. Blümchen und Gartenzwerge im Vorgarten, neckische Verzierungen an den Fenstern, prachtvoller Blumenschmuck am Hauseingang. Menschliche Herzlichkeit wird ersetzt durch Staffage und Dekoration.
 
Dörfliches Leben mit seinen Vereinen die es gestalten, gewinnt demnach Perspektiven als Gegenpol zum hektischen, asozialen Nebeneinander hin zu einem anteilnehmenden sozialen Miteinander der Solidarität. Dörfliches Leben verliert dadurch seine Enge und wird multikulturell - aus verschiedenen Menschen vielfältiger regionaler Herkunft mit unterschiedlichen Berufen und individuellen Biographien, die sich aber bewusst dazu entscheiden, sich zu verwurzeln, Heimat zu finden und ein Miteinander auch zu fördern. Die dörfliche Kultur gewinnt erst am Miteinander an Lebensqualität. Statt Gegeneinander und Nebeneinander für ein Miteinander. Aus dem Leben im Dorf kann durch solche Aktivitäten ein dörfliches Mitleben und eine neue dörfliche Gemeinschaft entstehen.

Quelle:
- Clemens Dirscherl, Evangelisches Bauernwerk, Hohebuch
  Beratungs- und Bildungspraxis - Landinfo 1/2003
- Karl Pütz zeichnet das dörfliche Leben nach
  Achener Nachrichten 1. Februar 2008
- Fachartikel - Kurzfassung der Ergebnisse aus der Studie "Dörfliche Begegnungsstätten -
  Analyse, Bewertung und Entwicklungsempfehlungen"
  LfL-Schriftenreihe "Dörfliche Begegnungsstätten -
  Bewertung von Begegnungsstätten in Dörfern des Freistaates Sachsen"
- Dörfliche Gemeinschaft und soziale Integration
  Georg WIESINGER, Ingrid MACHOLD
  Bundesanstalt für Bergbauernfragen Wien, Dezember 2001